Donnerstag, 28. September 2017

Schraubertipps: Reifenkunde für Rollerfahrer

Es ist wohl unstrittig, dass die Reifen zu den wichtigsten Teilen eines Fahrzeugs gehören. Die Gummirundline stellen die einzige Verbindung des Fahrzeugs mit dem Untergrund dar. Sie müssen sämtliche Kräfte übertragen, die während der Fahrt auf das Fahrzeug einwirken bzw. von diesem Ausgehen. Egal ob beschleunigt oder gebremst, gelenkt oder geradeaus gefahren wird, die Reifen leisten immer Schwerstarbeit.
Dennoch wird dieses Thema von vielen Rollerfahrern geradezu sträflich vernachlässigt. Diese Anleitung soll daher einen kleinen Einblick in die wichtigsten Dinge geben, die man als Rollerfahrer über Reifen wissen sollte.

Am Anfang sollte ein kurzer Überblick über die zur Auswahl stehenden Reifenarten stehen. Denn auch für Roller gibt es mitlerweile unterschiedlichste Reifen für die verschiedensten Anwendungszwecke.

Sportreifen
Sportreifen sind dafür ausgelegt, möglichst große Brems- und Beschleunigungskräfte übertragen zu können. Zudem müssen sie auch in extremen Fahrzuständen den Kontakt zur Straße halten. Diese Eigenschaften werden mit dem Begriff "Grip" zusammengefasst. Der typische Weg um diese Eigenschaften zu erreichen ist, dass der Reifen aus einer relativ weichen und entsprechend "klebrigen" Gummimischung gefertigt wird. Der Nachteil derartiger Reifen ist, dass sie bei nassem und kaltem Wetter nicht ihre Volle Leistung entfalten können und zudem insgesamt recht schnell verschleißen. Sie sind daher vor allem für spaßorientierte Freizeitfahrer geeignet. Im Alltagsgebrauch überwiegen ihre Nachteile.
typisches Profilbild eines modernen Sportreifens
Tourenreifen/Lastenrollerreifen
Es gibt Reifen die sich speziell für hoch belastete Fahrzeuge eignen. Diese Reifen haben eine höhere Traglast und härtere Gummimischung als andere Rollerreifen. Daraus resultieren eine längere Lebensdauer und höhere Belastbarkeit. Ob nun auf langen Strecken oder durch große Zuladungen. 
Zudem weisen solche Reifen meist ein relativ grobes, breites Profilbild auf, das bei Nässe und auf schlechtem Untergrund von Vorteil ist. Diese Profilbilder ähneln denen von Mehrzweckreifen.
Mehrzweckreifen
Der häufigste Rollerreifen ist der Mehrzweckreifen. Dies entspricht dem Grundsatz, dass der Roller das vielseitigste aller Zweiräder ist. Daher setzen die meisten Hersteller auf solche Reifen als Werksausrüstung. Es handelt sich dabei um einen guten Kompromiss aus sportlicher Leistung und alltäglicher Brauchbarkeit. Guter Grip mit ausreichender Lebensdauer sind eine Kombination, die den meisten Rollerfahrern zusagt. 
typisches Profilbild eines Mehrzweckreifens

Rennreifen
Eine extreme Sonderform des Sportreifens ist der reine Rennreifen, in seiner pursten Form als Slik komplett profillos. Diese Art von Reifen ist für die meisten Rollerfahrer schon deshalb unbrauchbar, weil sie keine Straßenzulassung haben. Es handelt sich dabei um hochgradig spezialisierte Rennsportteile für genau spezifizierte Anwendungszwecke. Hier bestimmen die individuellen Wünsche des Rennfahrers und das Reglement der jeweiligen Rennklasse die Auswahl.
Semisliks, also Rennreifen mit Minimalprofil und Straßenzulassung, sind bei Tunern beliebt, vor allem ihrer radikalen Optik wegen. Doch auch sie sind eher für die Rennstrecke als für den Straßengebrauch gedacht und nur in Sonderfällen empfehlenswert.

Winterreifen
Winterreifen für Roller sind ein relativ neues, aber sehr wichtiges Thema. Denn seitdem eine allgemeine Winterreifenpflicht gilt, müssen auch Roller bei winterlichen Straßenbedingungen mit einem ausgesprochenen Winterreifen ausgerüstet sein. Das bedeutet, dass ein Reifen die Kennzeichnung "M+S" (für Matsch und Schnee) tragen muss. Zudem gibt es das bekannte Schneeflockensymbol, das besonders für den Winterbetrieb ausgelegte Reifen kennzeichnet. 
Bei Alltagsrollern kann es sinnvoll sein, ganzjährig Winterreifen zu fahren. Denn diese Reifen sind oft auch gute Tourenreifen aber durch die weichere Gummimischung griffiger als die jeweilige Sommerversion mit gleichem Profilbild. Zwar führt dies zu Einbußen bei der Lebensdauer, die aber im Allgemeinen recht gering sind.

Bauformen von Reifen und Bezeichnungen
Reifen werden nach der Ausrichtung der Materialschichten im Reifenaufbau in zwei Kategorien eingeteilt. Dies sind zum Einen die so genannten Diagonalreifen und zum Anderen Radialreifen (auch Gürtelreifen genannt). Beim Diagnoalreifen liegen die Materialschichten quer, also diagonal zur Laufrichtung. Beim Radialreifen stehen sie im 90°-Winkel zur Laufrichtung (radial). Radialreifen sind heute der Standard bei PKW-Reifen, haben sich im Zweiradbereich jedoch noch nicht endgültig durchgesetzt. Hier sind vor allem Hochleistungsreifen für Supersportbikes und Luxustourer als Radialreifen ausgeführt. Die meisten Rollerreifen sind nachwievor Diagonalreifen. Insbesondere Reifen mit klassischen Größenangaben in Zoll sind immer Diagonalreifen.

Unabhängig davon, ob ein Reifen als Diagonal- oder Radialreifen ausgeführt ist, sind die meisten heutigen Rollerreifen grundsätzlich für den Betrieb ohne Schlauch ausgeführt. Da heutige Roller fast ausnahmslos über schlauchlose Felgen verfügen hat sich diese Technik durchgesetzt. Dennoch sind diese Reifen bis heute ausdrücklich als "tubeless" (engl. für schlauchlos) gekennzeichnet. Manche Hersteller kürzen dies mit "TL" ab.
Auf den meisten Reifen steht heute "tubeless", der Hinweis in deutscher Sprache ist hingegen eher selten.
Grundsätzlich kann ein solcher Reifen jedoch auch mit Schlauch gefahren werden. Dies ist vor allem für Oldtimerfahrer wichtig, da diese alten Fahrzeuge oft noch einen Schlauch benötigen. Umgekehrt darf ein Reifen der mit "tube type" (abgekürzt TT) gekennzeichnet ist nicht ohne Schlauch gefahren werden!

Ein weiteres wichtiges Merkmahl bei der Auswahl eines Reifens ist dessen Größe. Denn zum Einen muss der Reifen nachtürlich physisch auf das Fahrzeug bzw. die Felge passen und zum Anderen dürfen nur Reifen der eingetragenen Größen montiert werden. Bei den meisten Rollern ist nur eine einzige Reifengröße zugelassen, es gibt jedoch Ausnahmen. Ein Blick in die Betriebserlaubnis bzw. den Fahrzeugschein (Zulassungsbestätigung) bringt hier Klarheit.
Zur Bezeichnung der Reifengröße gibt es zwei Systeme:

metrische Reifengrößen
Heute sind metrische Reifengrößen üblich. Hierbei werden Reifenbreite in Milimetern, das Verhältnis der Flankenhöhe zur Reifenbreite in Prozent sowie der Felgendruchmesser in Zoll angegeben. Dieser Größenabgane sind zusätzlich noch Angaben zur Tragfähigkeit des Reifens sowie dessen maximal zulässiger Höchstgeschwindigkeit nachgestellt.
metrische Größenbezeichnung
Der Reifen auf dem Beispielfoto hat die Größe 120/90-10 sowie den Traglastindex 66 und den Geschwindigkeitsindex L. Doch was bedeutet dies?
Der Reifen ist 120mm breit und seine Flanke 90% von 120mm hoch (also 108mm). Zudem ist er für die Montage auf einer Felge mit 10 Zoll Durchmesser vorgesehen. Nach dem Traglastindex 66 darf der Reifen maximal mit 300kg belastet werden. Der Geschwindigketisindex L erlaubt Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 120km/h.

zöllige Reifengrößen
Die Bezeichnung eines Reifen mit zölliger Größe ist deutlich simpler. Hier wird nur die Reifenbreite in Zoll sowie der Durchmesser der Felge, ebenfalls in Zoll, angegeben. Die Maßeinheit entspricht hierbei dem klassischen europäischen Zollmaß, also 1 Zoll = 2,54cm.
zöllige Größenbezeichnung
Der Reifen auf dem Beispielfoto hat die Größe 3,50-10 (manchmal auch 3,50X10 geschrieben). Doch was bedeutet dies?
Der Reifen ist 3,5 Zoll breit und ebenso hoch, denn die Flankenhöhe von zölligen Reifen beträgt immer 100%. Zudem ist er zur Montage auf einer Felge mit 10 Zoll Durchmesser vorgesehen. Einen Traglast- oder Geschwindigkeitsindex haben zöllige Reifen üblicherweise nicht. Es gibt jedoch einzelne Hersteller, die dennoch solche Werte angeben.

Traglastindex
Der Traglastindex (auch Tragfähigkeitsindex oder Lastindex, oft mit LI abgekürzt) gibt an, für welche Last der Reifen maximal zugelassen ist. Hierbei gilt, dass der in den Fahrzeugpapieren eingetragene Wert über-, aber keines falls unterschritten werden darf.

Die Indexzahlen haben folgende Bedeutung (Auszug):

Geschwindigkeitsindex
Der Geschwindigkeitsindex (auch Speedindex, abgekürzt SI) gibt an, für welche Höchstgeschwindigkeit ein Reifen zugelassen ist. Wie beim Traglastindex darf auch hier der in den Fahrzeugpapieren geforderte Wert über-, aber nicht unterschritten werden. Ist in den Fahrzeugpapieren kein Geschwindigkeitsindex eingetragen, so muss mindestens ein für die zugelassene Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs zugelassener Reifen montiert werden.

Die Indexzahlen haben folgende Bedeutung:


DOT-Nummer
Reifen mit DOT-Nummer sind nach den Vorschriften für die USA zugelassen, DOT steht für Department Of Transportation. Diese Behörde hat auch das "Geburtsdatum" für Reifen eingeführt. Diese Angabe ist heute auch in der EU vorgeschrieben. Der kryptischen Zulassungskennzeichnung ist eine Zahlengruppe in einem Oval nachgestellt, diese gibt die Woche und das Jahr der Produktion an.

Im Laufe der Zeit wurde das Format für diese Kennzeichnung verändert. In den 1980er Jahren trugen die Reifen eine dreistellige Zahl. Ein Reifen mit der Kennzahl 228 wäre in der 22. Kalenderwoche des Jahres 1988 hergestellt worden.
DOT-Nummer aus den 80er Jahren, hier 283, also 28. Kalenderwoche 1983
Ab dem 1. Januar 1990 wurde der dreistelligen Zahl ein nach oben zeigendes Dreieck nachgestellt. Die Zahl 228 würde also für die 22. Kalenderwoche 1998 stehen. Seit dem Jahr 2000 sind die Kennzahlen vierstellig, die Zahl 2208 stünde also für die 22. Kalenderwoche 2008.
DOT-Nummer aus den 2000er Jahren, hier 4503, also 45. Kalenderwoche 2003
Zwar gibt es in Deutschland keine Vorschriften über das maximale Alter von Reifen, ein nicht abgefahrener oder poröser Reifen darf also belieblig lange gefahren werden, dennoch sollten Reifen nach spätestens sechs Jahren ausgetauscht werden. Dies liegt einfach daran, dass der Gummi mit der Zeit verhärtet und der Reifen an Grip verliert. Insbesondere bei kaltem oder nassen Fahrbahnbelag kann dies gefährlich werden.

Reifendruck
Um den Verschleiß zu minimieren und das Fahrverhalten des Fahrzeugs so gut wie möglich zu gestalten, muss der Reifendruck den Vorgaben entsprechen. Auf dem Reifen befindet sich in der Regel eine Angabe über den maximal zulässigen Druck, dieser ist jedoch weitaus höher als der für das Fahrzeug optimale Reifendruck. Die entsprechenden Hinweise der Bedienungsanleitung sollten daher unbedingt eingehalten werden.

Reifenpflege
Die beste Pflege für einen Reifen ist es ihn zu benutzen. Denn wie die meisten Fahrzeugteile leidet er unter Standzeiten. Es kann dann zu einem so genannten Standplatten, als odem einseitigen Abflachen des Reifens kommen. Ein solcher Reifen ist natürlich unbrauchbar und muss ersetzt werden. Deshalb sollte man den Reifendruck vor längeren Standzeiten um ca. ein bar über den normalen Druck erhöhen.
Im Fahrbetrieb verlängern umsichtige und vorausschauende Fahrweise die Lebensdauer eines Reifens ebenso wie der korrekte und regelmäßig geprüfte Luftdruck. Dieser muss unbedingt bei kalten Reifen, also nach nur kurzer Fahrtstrecke, geprüft werden.
Bei der Fahrzeugwäsche sollte man darauf verzichten, die Reifen unmittelbar mit dem Hochdruckreiniger anzusprühen. Ebenso sind scharfe Reinigungsmittel schädlich für den Gummi. Das gilt übrigens auch für so genannte Reifenpflegemittel (Reifenschwarz, Gummiglanz ect.), diese können die Gummi angreifen und reduzieren auf der Lauffläche zudem den Grip, man sollte solche Mittel nicht benutzen.






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen